Europäisches 5 am Tag Symposium: „Langfristig denken, ausdauernd und optimistisch bleiben“

Europäisches 5 am Tag Symposium von Snack5 bringt Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ins Gespräch

Mehr als 120 Teilnehmende aus verschiedenen Ländern haben am 23. September 2021 beim Europäischen 5 am Tag Symposium von Snack5 aktuelle Forschungsergebnisse und eine facettenreiche, lebhafte Diskussion um ausgewogene Ernährung mit Gemüse und Obst verfolgt. Das von Kaasten Reh (Fruitnet International) moderierte Online-Event stand unter der Fragestellung, wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu einem höheren Gemüse- und Obstverzehr beitragen können.

Wie können Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu einer ausgewogeneren Ernährung beitragen?

In ihren Grußworten betonten Celine Keidel (Europäische Kommission, DG Landwirtschaft und Entwicklung des ländlichen Raums), Mag. Karin Silberbauer von der Agrarmarkt Austria Marketing GesmbH (AMA) sowie Kaasten Reh, Mitglied im Vorstand des 5 am Tag e.V. die Vorteile sektorenübergreifender Kooperation in den Bereichen Ernährung und Gesundheit.  Karin Silberbauer wies darauf hin, dass es neben Wissenschaft, Politik und Wirtschaft vor allem auch die Landwirte brauche, um die österreichischen und deutschen Ernährungsempfehlungen 5 mal am Tag/ 5 am Tag umsetzen zu können, für die die EU-geförderte Kampagne Snack5 von 5 am Tag und AMA steht. 

Karin Silberbauer (AMA) motiviert zu Gemüse und Obst - 5 x am Tag

Foodtrend-Expertin Hanni Rützler (futurefood studio) stimmte das Publikum mit ihrem Blick in eine Zukunft ein, in der Ernährung vorwiegend pflanzenbasiert sein wird. Die Pandemie, in der sich Trends wie beispielsweise „Home Cooking“, Backen mit Sauerteig oder die Präferenz für regionale Lebensmittel verfestigt haben, habe einen Paradigmenwechsel eingeläutet: Die „neuen“ Verbraucher*innen, von Rützler „Vegourmets“ genannt, setzten statt auf Preis und Quantität künftig auf eine ganzheitlichere Definition von Food-Qualität. Faktoren wie Nachhaltigkeit, Produktionsbedingungen, Regionalität, Convenience spielen darin eine wichtige Rolle. Dass während der Pandemie Gesundheit insgesamt und damit auch eine gesunde Ernährung in der Einschätzung der Menschen an Bedeutung gewonnen haben, könne für die Ziele von 5 am Tag eine Chance sein, den Gemüse- und Obstverzehr auf mindestens 5 Portionen am Tag zu erhöhen, sagte Rützler.

Food-Qualität wird künftig wohl ganzheitlicher definiert werden

Über aktuelle wissenschaftliche Aussagen zum Gesundheitsnutzen einer pflanzenbasierten Ernährung informierten die Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) Kiran Virmani und Jürgen König, Professur für spezielle Humanernährung, Universität Wien.

Ausgehend von der Ernährungssituation in Deutschland, die ganz allgemein von steigendem Gemüse- und eher stagnierendem Obstkonsum seit den 50er Jahren geprägt ist, ging Kiran Virmani auf die Ergebnisse einer Übersichtsarbeit im 14. DGE Ernährungsbericht ein. Diese wertet 20 Meta-Analysen mit Blick darauf aus, ob sich ein Zusammenhang zwischen Gemüse-, Obst- und Fleischverzehr und häufig in Deutschland vorkommenden Erkrankungen wie Schlaganfall und koronare Herzerkrankung, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Kolorektal- und Brustkrebs wissenschaftlich bestätigen lasse. Das Ergebnis: Ein Zusammenhang zwischen hohem Gemüseverzehr und niedrigerem Risiko, an Schlaganfall, Herzinfarkt oder Darmkrebs zu erkranken, lässt sich belegen, ebenso wie der zwischen hohem Obstkonsum und bpsw. niedrigerem Risiko für Brustkrebs.

Zusammenhang Gemüse-/Obstverzehr und bestimmte Krebsarten

Hingegen ist unmittelbare Wechselwirkung zwischen Gemüse-/Obstkonsum und Diabetes mellitus Typ 2 nicht zu erkennen – wenn auch von einer indirekten Evidenz auszugehen ist. Schließlich senkt ein hoher pflanzlicher Anteil an der Ernährung das Risiko, an Übergewicht oder Adipositas zu erkranken. Virmani schloss mit einem Appell, dass man im Licht dieser Forschungsergebnisse nur noch dringlicher darauf hinweisen könne, das Ernährungsverhalten in Deutschland im Sinne der Gesundheit anzupassen. Die DGE-Ernährungsregeln seien durch die Übersichtsstudie erneut bestätigt worden.

"Es ist unterwegs oft einfacher, ein belegtes Brötchen zu bekommen als einen Apfel."

Jürgen König führte zu Beginn seiner Präsentation aus, dass sich nicht ein einziger Faktor allein für die gesundheitsfördernde Wirkung von Gemüse und Obst benennen ließe - vielmehr böten Früchte eine einzigartige gesundheitsfördernde Komposition aus Nährstoffen wie Vitamin A/Beta Carotin, Vitamin C, Folsäure, Kalium, Magnesium und Ballaststoffen. Deshalb müsse es, so König, eher darum gehen, zu vielfältigem Gemüse-/Obstkonsum zu motivieren, als exakte Portionsgrößen zu errechnen und zu empfehlen.

Vielfältige Inhaltsstoffe

Deshalb müsse es, so König, eher darum gehen, zu vielfältigem Gemüse-/Obstkonsum zu motivieren, als exakte Portionsgrößen zu errechnen und zu empfehlen. Gleichwohl sind Mengenangaben notwendig, auch um die tatsächliche Verzehrssituation zu erfassen und zu vergleichen: Sowohl der Blick auf seine österreichischen Landsleute wie auf die gesamteuropäische Situation sind laut König ernüchternd, weil man von einem ausreichenden Gemüse- und Obstkonsum weit entfernt ist. Das Thema „Snacken“ in den Blick zu nehmen, sei essenziell, um das Ernährungsverhalten positiv zu verändern. Und so gibt er konkrete Tipps: Früchte als Bestandteil des Frühstücks zu etablieren, sie als Snacks für den Nachmittag oder den späten Abend zu präsentieren, ebenso wie Gemüse und Obst nahezu überall verfügbar zu machen. Klingt einfach – ist es aber im Alltag oft nicht, wie Königs Beispiel zeigt, dass es unterwegs immer noch viel schwerer sei, einen frischen Apfel zu bekommen als ein belegtes Brötchen.

Prof. Arens-Azevedo

Das Stichwort Verfügbarkeit griff Ulrike Arens-Azevedo (HAW Hamburg) in ihrem Beitrag zum Thema Nudging in der Gemeinschaftsverpflegung auf. Sie verbindet das Konzept des Nudging, das auf die Wirtschaftswissenschaftler Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein zurückgeht, mit den Erkenntnissen von Daniel Kahnemann zum „schnellen“ und „langsamen“ Denksystem. Ihre Folgerung: Nudging wirkt im wesentlichen im Rahmen  intuitiver, schneller, automatisierter Entscheidungen. Ernährungsverhalten lasse sich deshalb möglicherweise einfacher verändern, wenn die Motivation nicht ausschließlich auf das kognitive System abzielt, sondern durch Nudging eben jenes schnelle, intuitive, automatisierte System angesprochen werde, so Arens-Azevedo.

Betreiber von Einrichtungen zur Gemeinschaftsverpflegung haben einfache und wirksame Möglichkeiten an der Hand, den Konsum von Gemüse und Obst zu erhöhen.

Daraus ergeben sich Chancen für die Gemeinschafsverpflegung. Denn Caterer und Köche haben einfache Möglichkeiten an der Hand, den Gemüse- und Obstkonsum in ihren Einrichtungen zu erhöhen: so zum Beispiel durch eine geschickte Platzierung (nah am Kunden, auf Augenhöhe, gut beleuchtet) und eine gute Präsentation von Salaten, Gemüse oder Früchten (Portionsgrößen im Vergleich etwa zu Fleischkomponenten; leicht zu konsumierende Formen wie z.B. Obstsalate). Die DGE Qualitätsstandards zur Gemeinschaftsverpflegung geben hier noch viele weitere Anregungen, so Arens-Azevedo und schloss mit einer positiven Botschaft: Mit langem Atem, Dialogbereitschaft und „Empowerment“ der beteiligten Akteure lässt sich das Ernährungsverhalten auch in der Gemeinschaftsverpflegung verbessern – und zwar mit Blick auf die Menge und auf die Häufigkeit des Gemüse- und Obstverzehrs.

Die Pandemie hat für ein neues Bewusstsein für Gesundheit und gesunde Ernährung gesorgt

Nach diesen Schlaglichtern aus der Wissenschaft lenkte Philippe Binard (Freshfel Europe) den Blick auf Herausforderungen, den Gemüse- und Obstkonsum zu steigern. Zunächst fehlten, so Binard, rein rechnerisch fast 15 Mio. Tonnen Gemüse und Obst auf dem europäischen Markt, um die Empfehlung einer 400 g Tagesmenge für jeden Europäer aus eigener Produktion bedienen zu können. Zudem sei nicht nur der Sektor mit einer großen Vielfalt an Produkten fragmentiert, sondern auch die Zielgruppen sind inzwischen zu heterogen, um mit einem einzigen Ansatz erreicht zu werden. Auch wenn sich Europa stark in der Gesundheitsförderung engagiere und Prävention eine Schlüsselrolle zukomme, sei doch nur ein kleiner Anteil zum Beispiel des Gesamtbudgets des Plans zur Krebsbekämpfung (CAP) für die Förderung einer ausgewogenen Ernährung vorgesehen. 

Bei allen Herausforderungen erkennt Binard aber auch ein großes Momentum, das es zu nutzen gelte: Die Pandemie habe für ein neues Bewusstsein für Gesundheit bei den Verbrauchern gesorgt, das Internationale Jahr für Obst und Gemüse schafft Aufmerksamkeit, die EU stellt künftig ein höheres Budget für die Förderung von Projekten für eine gesunde Ernährung zur Verfügung. Positiv bewertet Binard außerdem, dass Gemüse und Obst bedeutende Rollen sowohl in der europäischen „Farm to Fork“-Strategie zukommt wie auch für den „Green Deal“ – schließlich sind sie mit vielen der 17 SDGs (Nachhaltigkeitszielen) eng verknüpft.

Am Beispiel der EU-geförderten Kampagne Snack5 formulierte Harry von Bargen, Projektkoordinator des EU geförderten Projekts Snack 5,  die Learnings der Projektträger 5 am Tag e.V. und Agrarmarkt Austria Marketing GesmbH  aus dem laufenden Projekt, die viele der bisher besprochenen Aspekte bestätigten: angefangen von der Wirksamkeit von Nudging-Ansätzen, die Snack5 zum Beispiel in der Aktion „Fruchtkörbe für den Arbeitsplatz“ nutzt, bis hin zu der stärkeren Fragmentierung der Zielgruppen, die Snack5 jeweils mit passenden Formaten und in den Kanälen anspricht, in denen sie „zuhause“ sind.

Snack5 Präsentation Symposium

Für AIAM5, den globalen Verband der 5 am Tag-Organisationen, sprach Manuel Monino, der gleichzeitig Vorsitzender der spanischen 5 am Tag-Kampagne ist. Er gab einen kurzen Einblick in die Aktivitäten zum Internationalen Jahr von Obst und Gemüse und betonte neben vielen anderen Erfolgsfaktoren eindringlich die Bedeutung von Allianzen und sektorenübergreifender Kooperationen, um dem Ziel „5 am Tag“ näherzukommen. Formate wie dieses Europäische 5 am Tag Symposium, das den Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Akteuren aus Politik und Gesellschaft fördere, seien dafür ein gutes Beispiel. 

In der abschließenden Podiumsdiskussion gaben politische Akteure von der EU, aus Österreich und Deutschland Einblicke in ihre jeweiligen Programme zur Förderung des Gemüse- und Obstkonsums und loteten Möglichkeiten, aber auch Grenzen politischen Handelns aus.

Celine Keidel, EU

Celine Keidel (Europäische Kommission) beschrieb anschaulich die Vielzahl an "Policies" innerhalb der EU, die das Thema pflanzenbasierte Ernährung berühren. Die formale Verantwortung sei jeweils unterschiedlichen Bereichen zugeordnet, die naturgemäß ihre eigene Agenda verfolgen. Sie gab Einblicke, wie sie die Verhandlungen zur „Farm to Fork“-Strategie und die Versuche erlebt hat, konkrete Maßnahmen zur Gesundheitsförderung darin zu verankern. Letztlich, so Keidel, bleibt festzuhalten, dass diese Strategie leider keinen umfassenden Maßnahmenplan zur Steigerung des Gemüse-/Obstkonsums enthält.

Für das Schulprogramm („EU school scheme“), laut Keidel eine der zentralen Maßnahmen der EU zur Förderung des Gemüse- und Obstverzehrs von Kindern, steht ein Budget von rund 215 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Während der langen Phase des Homeschooling in der Pandemie sei es natürlich schwer gewesen, Gemüse und Obst zu den Kindern zu bringen. Aber auch ohne Pandemie gebe es die Hürde, dass nicht alle Staaten an dem Schulprogramm teilnehmen. Selbst in Deutschland gibt es Bundesländer, die sich nicht an diesem Programm beteiligen.

Karin Schindler

Die Aufteilung von politischer Verantwortung für die Bereiche Gesundheit, Ernährung und Landwirtschaft griff Karin Schindler (Österreichisches Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz) erneut auf. Statt organisatorischem Silodenken sei es jetzt doch geboten, Gesundheit und Klimaschutz als übergeordnete Querschnittsziele zu verankern. Aufgabe von Politik sei es ihrem Verständnis nach außerdem darauf zu achten, dass niemand zurückgelassen oder ausgeschlossen werde. Vor dem Hintergrund, dass viele öffentliche Programme zur Gesundheitsförderung vor allem Menschen mit gutem Einkommen und hoher Bildung erreichten, forderte sie, der Fokus müsse mindestens genauso sehr auf Zielgruppen mit niedrigerem sozioökonomischem Status liegen. Und darauf, nicht nur Informationen zu vermitteln, sondern mit den Menschen gemeinsam einzuüben, wie sie in ihrem Alltag das Gelernte anwenden können. An diesen Grundsätzen orientiert sich das österreichische „Richtig essen von Anfang an“, das Schindler als „kleine Schwester des deutschen In Form-Programms“ bezeichnete.

Politische Programme für gesündere Ernährung dürfen niemanden ausschließen

Wie breit die politischen Aktivitäten in Deutschland für eine gesündere Ernährung gefächert sind, zeigte Lorenz Franken (Deutsches Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) mit seiner Aufzählung der Meilensteine der vergangenen Jahre: Die Kampagne In FORM mit ihren rund 270 Einzelprojekten gehört dazu, aber beispielsweise auch die „Gemüseklasse“, die Einrichtung der BZfE sowie der neue „Checkpoint Ernährung“ in der Berliner Friedrichstraße. Daneben sei es auch wichtig, im Umfeld anzusetzen wie zum Beispiel mit Nutri-Score schon beim Einkaufen Orientierung über den Nährwert von Produkten zu geben. Zentrale Maßnahme seien die DGE-Qualitätsstandards im Rahmen von „IN FORM in der Ge­mein­schafts­ver­pfle­gung“ für die relevanten Lebenswelten. Sie geben Maßnahmen zur Umsetzung einer vollwertigen Ernährung vor, die im Bereich Schule teilweise sogar verpflichtend umgesetzt werden.

Dr. Lorenz Franken, BMEL

Ein solcher breiter Ansatz ermögliche, so Franken, dass die sehr unterschiedlichen Zielgruppen von Kindern bis hin zu älteren und vulnerablen Gruppen von jeweils spezifisch auf sie zugeschnittenen Programmen profitieren könnten. Dass mit Blick auf die  Ernährungssituation in Deutschland aber auch positive Trends zu verzeichnen sind, betont Franken auch und erinnert daran, dass beispielsweise die Zahl der Vegetarier steigt und der Fleischkonsum insgesamt in Deutschland zurückgeht. Es sind Veränderungen, die zugegebenermaßen oft erst langfristig sichtbar werden, die ihn aber optimistisch stimmten.

Optimistisch, aber auch mit klarem Blick für die noch zu leistende Arbeit, fällt auch das Resumee der drei Panelisten in der von Kaasten Reh moderierten Abschlussdiskussion aus: Mit langem Atem, hoher Kooperationsbereitschaft und mit ganzheitlichen Ansätzen ist es zu schaffen, die Konsumenten zu einem höheren Gemüse- und Obstkonsum zu bewegen. Dass Gesundheit und Prävention stärkeres Gewicht in EU Programmen eingeräumt wird, geben sie als Wunsch in Richtung Brüssel mit.

Zusammenfassung der HIghlights aus Präsentationen und Diskussionsbeiträgen beim Europäischen 5 am Tag Symposium

Die Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung ist auf dem Snack5-Kanal bei Facebook zu sehen.